Hintergrund

Schlussrede

Wie Der große Diktator enden sollte, hat Chaplin schon in der ersten Treatment-Fassung vom Dezember 1938 beschrieben: „Charlie tritt vor. Er beginnt langsam – er hat eine Heidenangst. Aber seine Worte verleihen ihm Kraft. Beim Reden verwandelt sich der Clown in einen Propheten.“ Bis die Szene ihre endgültige Gestalt findet, dauert es jedoch noch lange. Entworfen, zum Teil sogar gedreht wurden verschiedene Szenen, mit denen die Rede unterlegt werden sollte: Soldaten, die aus dem Stechschritt in einen Walzer verfallen; ein Exekutionskommando, das die Waffen niederlegt; die aufmarschierten Truppen, die während der Rede in Freudentänze ausbrechen. Chaplin schrieb die Rede nach Abschluss der Haupt-Dreharbeiten, zwischen April und Juni 1940. Gedreht wurde die Szene Ende Juni. Die Kriegssituation in Europa hatte sich wenige Tage zuvor mit dem Einmarsch der deutschen Truppen in Paris grundlegend geändert.

Im Chaplin-Umfeld war der Schluss umstritten, wie sich Tim Durant erinnert: „Es gab eine große Diskussion darüber, dass das nicht in den Film gehörte. Es war geschmacklos. Es war nicht richtig, dass Charlie sich dazu hergab, Propaganda zu machen.“ Man befürchtete, die bis dahin anti-interventionistische Mehrheit in den USA zu provozieren und einen Flop an der Kinokasse zu riskieren. Andere, wie Chaplins orthodox linke Assistenten Dan James und Robert Meltzer, stießen sich am ungehemmten Idealismus der Rede – beide wurden von den Aufnahmen der Rede ausgeschlossen, weil Chaplin sich durch ihre Ablehnung gestört fühlte. In der Endfassung des Films nimmt die Rede volle sechs Minuten ein. Im Oktober 1940, wenige Tage nach der Weltpremiere, nimmt Chaplin in der New York Times zur Kritik an der Rede Stellung: „Es ist die Rede, die der Friseur gehalten hätte, die er hätte halten müssen. (...) Es wäre viel einfacher gewesen,den Friseur und Hannah in einen fernen Horizont verschwinden zu lassen, unterwegs zum gelobten Land, vor der untergehenden Sonne. Aber es gibt kein gelobtes Land für die Unterdrückten dieser Erde. Es gibt keinen Ort jenseits des Horizonts, wo sie eine Zuflucht finden könnten.“

Klaus Mann sieht in der Schlussrede die Konsequenz eines gescheiterten Films: „Der Film hat keinen Stil, keinen roten Faden, keine überzeugende Kraft. (...) Er ist eine lächerliche Farce, ausgeschmückt mit geschwollenen Bekenntnissen. Chaplins Rede am Schluss des Films ist unerträglich banal.“ Adorno, ein Bewunderer Chaplins, befand: „Die wogenden Ährenfelder am Ende von Chaplins Hitler-Film desavourieren die antifaschistische Freiheitsrede. Sie gleichen der blonden Haarsträhne des Mädels, dessen Lagerleben im Sommerwind von der UFA photographiert wird.“

Am eindringlichsten beschreibt Sergej Eisenstein in seinem Essay Charlie, The Kid von 1945 die Schlussrede: „Im Diktator spielt er [Chaplin] beide Parteien, beide entgegengesetzten Pole der Infantilität: den triumphierenden wie den unterlegenen. (...) Deswegen hat wohl gerade dieser Film eine so erstaunliche Wirkung. Und deswegen spricht Chaplin gerade in diesem Film zum erstenmal mit lebendiger Stimme. (...) Die Worte des Aufruhrs im Finale des Diktators symbolisieren gleichsam die Neugeburt des Kindes Chaplin als Tribun. (...) Und damit tritt er den großen Meistern des jahrhundertelangen Kampfes der Satire mit der Fin-sternis würdig und gleichberechtigt zur Seite (...) Und vielleicht ist er sogar der Größte von ihnen, weil er dem Golgatha finsterster faschistischer Reaktion sein vernichtendendes Lachen entgegenschleudert, er, der jüngste der Davids: Charles Spencer Chaplin aus Hollywood, der von nun an heißen soll: Charlie the Grown-up.“

Die Schlussrede im Wortlaut

Schultz: „Sie müssen reden!“ – Friseur: „Ich kann nicht.“
Schultz: „Sie müssen! Es ist unsere einzige Hoffnung!“
Friseur: „Hoffnung… Es tut mir leid, aber ich will kein Kaiser sein. Das ist nicht meine Sache. Ich möchte niemanden beherrschen und niemanden bezwingen. Es ist mein Wunsch, einem jeden zu helfen – wenn es möglich ist – sei er Jude oder Nichtjude, Weißer oder Schwarzer. Wir alle haben den Wunsch, einander zu helfen. Das liegt in der Natur des Menschen. Wir wollen vom Glück des Nächsten leben – nicht von seinem Elend. Wir wollen nicht hassen und uns nicht gegenseitig verachten. In dieser Welt gibt es Raum für alle, und die gute Erde ist reich und vermag einem jeden von uns das Notwendige zu geben.

Wir könnten frei und anmutig durchs Leben gehen, doch wir haben den Weg verloren. Die Gier hat die Seelen der Menschen vergiftet – sie hat die Welt mit einer Mauer aus Hass umgeben – hat uns im Stechschritt in Elend und Blutvergießen marschieren lassen. Wir haben die Möglichkeit entwickelt, uns mit hoher Geschwindigkeit fortzubewegen, doch wir haben uns selbst eingesperrt. Die Maschinen, die uns im Überfluss geben sollten, haben uns in Not gebracht. Unser Wissen hat uns zynisch, die Schärfe unseres Verstandes hat uns kalt und lieblos gemacht. Wir denken zuviel und fühlen zu wenig. Dringender als der Technik bedürfen wir der Menschlichkeit. Güte und Sanftmut sind wichtiger für uns als Intelligenz. Mit dem Verlust dieser Eigenschaften wird das Leben immer gewalttätiger, und alles wird verloren sein.

Das Flugzeug und das Radio haben uns näher gebracht. Das innerste Wesen dieser Dinge ruft nach den guten Eigenschaften im Menschen – ruft nach weltweiter Brüderlichkeit – fordert uns auf, uns zu vereinigen. In diesem Augenblick erreicht meine Stimme Millionen Menschen in der ganzen Welt – Millionen verzweifelter Männer, Frauen und kleiner Kinder –, die die Opfer sind eines Systems, das Menschen dazu bringt, Unschuldige zu quälen und in Gefängnisse zu werfen. Denen, die mich hören können, rufe ich zu: Verzweifelt nicht! Das Elend, das über uns gekommen ist, ist nichts als Gier, die vorübergeht, die Bitterkeit von Menschen, die den Fortschritt der Menschheit fürchten. Der Hass der Menschen wird aufhören, Diktatoren werden sterben, und die Macht, die sie dem Volk genommen haben, wird dem Volk zurückgegeben werden. Solange Menschen sterben, kann die Freiheit niemals untergehen.

Soldaten! Unterwerft euch nicht diesen Gewalttätern, die euch verachten und versklaven, die euer Leben in starre Regeln zwingen und euch befehlen, was ihr tun, was ihr denken und was ihr fühlen sollt! Sie drillen euch, sie päppeln euch auf und behandeln euch wie Vieh, um euch schließlich als Kanonenfutter zu verbrauchen. Unterwerft euch nicht diesen Unmenschen – Maschinenmenschen mit Maschinengehirnen, Maschinenherzen. Ihr seid keine Maschinen! Ihr seid Menschen! In euren Herzen lebt die Liebe zur Menschheit! Hasst nicht. Nur der Unglückliche kann hassen – der Ungeliebte, der Pervertierte!

Soldaten! Kämpft nicht für die Sklaverei! Kämpft für die Freiheit! Im siebzehnten Kapitel des Lukas-Evangeliums steht geschrieben, das Reich Gottes sei im Menschen – nicht in einem Menschen oder in einer besonderen Gruppe von Menschen, sondern in allen! In euch! Ihr, das Volk, habt die Macht – die Macht, Maschinen zu erschaffen. Die Macht, Glück hervorzubringen. Ihr, das Volk, habt die Macht, das Leben frei und schön zu gestalten – aus diesem Leben ein wundersames Abenteuer werden zu lassen. Lasst uns also – im Namen der Demokratie – diese Macht anwenden – vereinigt euch! Lasst uns kämpfen für eine neue Welt, für eine gesittete Welt, in der jedermann die Möglichkeit hat zu arbeiten, die der Jugend eine Zukunft und die dem Alter Sicherheit zu geben vermag.

Die Gewalttäter sind zur Macht gekommen, weil sie euch diese Dinge versprochen haben. Doch sie lügen! Sie halten ihre Versprechungen nicht. Sie werden das nie tun! Diktatoren befreien sich selbst, aber sie versklaven das Volk. Lasst uns nun dafür kämpfen, die Welt zu befreien – die nationalen Schranken niederzureißen – die Gier, den Hass und die Intoleranz beiseite zu werfen. Lasst uns kämpfen für eine Welt der Vernunft – eine Welt, in der Wissenschaft und Fortschritt zu unser aller Glück führen sollen. Soldaten, im Namen der Demokratie, lasst uns zusammen stehen!

Hannah, kannst du mich hören? Wo auch immer du bist, blicke nach oben. Blicke auf, Hannah! Die Wolken zerstreuen sich. Die Sonne bricht durch! Wir kommen aus der Finsternis in das Licht! Wir kommen in eine neue Welt – in eine freundlichere Welt, wo die Menschen sich über ihre Gier, ihren Hass und ihre Gewalttätigkeit erheben. Blicke empor, Hannah! Die Seele des Menschen hat Flügel bekommen, und nun endlich beginnt er zu fliegen! Er fliegt in den Regenbogen, in das Licht der Hoffnung. Blicke empor, Hannah! Blicke empor!“

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Dreharbeiten der Schlussrede, Juni 1940
Dreharbeiten der Schlussrede, Juni 1940
Begrüßung in Osterkich
Begrüßung in Osterlich

„Aus dieser nicht enden-wollenden und für meinen Geschmack zu kurzen Einstellung hat sich mir ausschließlich eingeprägt das verzaubernde Timbre einer Stimme um die beunruhigendste aller Metamorphosen. Nach und nach verschwindet die leuchtende Maske Charlies, zerrieben von den Nuancen der Panchromatie und decouvriert durch die nahegerückte Kamera, welcher Effekt noch durch das Teleskop der großen Leinwand verstärkt wird. Hinter der Maske erscheint wie in einer Überblendung das Gesicht eines schon alten Mannes, durchzogen von ein bißchen bitterem Lächeln, die Haare von weißen Strähnen durchzogen: das Gesicht von Charles Spencer Chaplin. Dieser Vorgang einer fotografischen Psychoanalyse wird mit Sicherheit einer der wichtigsten Augenblicke der Filmgeschichte bleiben.“

André Bazin, La Revue du Cinema, 1948